Rechenstörung (Dyskalkulie): Wenn Zahlen ausserirdisch wirken

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Ein Drama bei der Mathe-Hausaufgabe: Die Zahlen wollen einfach nicht zusammen passen, und keine Erklärung führt weiter. Der Grund kann eine Rechenstörung sein. Hier die Hintergründe dazu.

5% aller Kinder sind betroffen: Sie haben große Probleme in den Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Weniger betroffen sind die höheren mathematischen Fertigkeiten. Meist fällt das Problem schon während der ersten zwei Grundschulklassen auf. Kinder mit Rechenstörung entwickeln keine klare Vorstellung von Zahlenmengen und können sich im Zahlenraum bis 10 oder später bis 20 nur zählend bewegen. Das bedeutet, sie benutzen dauerhaft ihre Finger zum Lösen von Aufgaben. Den Eltern und leider auch vielen Lehrern kommt das normal vor: „Sie rechnet halt noch mit den Fingern“. Genau betrachtet ist das aber kein Rechnen, sondern ein reines Abzählen, also das Aufsagen einer auswendig gelernten Klangfolge – in diesem Fall eben Ziffern.

Kinder mit Rechenstörung haben Probleme, die Größe einer Menge zu erfassen (schon die Menge 4 kann oft nur durch Abzählen erarbeitet werden) und Verhältnisse von Mengen zu verstehen: mehr/weniger (später „auf mathematisch“ dann plus/minus, Vielfaches, Teil/Ganzes.

Relativ bald darauf zeigen sich Probleme im Stellenwertsystem: Zehner und Einer werden verwechselt, nicht nur beim Aussprechen von Zahlen (bei 21 sagen wir die Eins ja zuerst und die Zwei danach), sondern auch beim Schreiben oder Rechnen im Hunderterraum.

Man sieht an diesen Problemen, dass das Kind gar keine klare Vorstellung davon hat, wozu das alles überhaupt gut ist. Manchmal scheint es zu klappen, schnell werden zehn Aufgaben nacheinander richtig ausgerechnet, und bei der elften Aufgabe geht plötzlich wieder gar nichts mehr.

Die Folge ist Frustration, Enttäuschung, Wut – bei Kindern wie auch bei Eltern, die verzweifelt versuchen, es zu erklären und irgendwann in ihrer Not sogar Bemerkungen machen wie „Das musst du doch verstehen, so dumm kann man doch gar nicht sein!“. Dabei ist Dyskalkulie gar keine Frage der Intelligenz. Betroffene Kinder können also sehr intelligent sein, aber trotzdem nicht rechnen können. Nach einiger Zeit des vergeblichen Übens entsteht aber entweder ein Gefühl von „Ich bin ja doch zu dumm“ oder auch von Rechenangst, manchmal sogar mit Bauchschmerz, Kopfschmerz und Angst vor der Schule.

Die Ursachen der Rechenstörung sind noch nicht genau geklärt

Als Ursache einer Rechenstörung werden unterschiedliche Aktivitäten in den betreffenden Gehirnregionen gesehen. Es gibt technische Untersuchungen dazu (fMRI), die – für alle, die etwas Fachchinesisch interssiert – eine verminderte Aktivität in den Parietalregionen und dem anterioren Gyrus cinguli messen konnten. Auch genetische Ursachen werden diskutiert, also eine Erblichkeit der Rechenstörung zu einem gewissen Grad.
Außerdem gibt es eine beachtliche Anzahl gleichzeitig auftretender, weiterer Probleme: Sprachentwicklungsstörung, Lese- und Rechtschreibstörung, Aufmerksamkeitsdefizitsörung. Das legt die Vermutung nahe, dass zum Teil gemeinsame Gehirnareale genutzt werden oder dass Prozesse gestört sind, die für mehrere der genannten Bereiche relevant sind.

Neben einer „Dyskalkulie im engeren Sinn“ müssen aber auch Ursachen für Rechenschwäche beachtet werden, die in mangelhafter Vermittlung des Rechnens, familiären oder emotionalen Belastungen, Verhaltens- und Motivationsstörungen liegen.

Wie wird das Vorliegen einer Dyskalkulie untersucht?

Weil so viele verschiedene Ursachen zusammenspielen, sollte die Diagnostik in einer Facharztpraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen. Im Erstgespräch berichten Sie und Ihr Kind von den bisherigen Auffälligkeiten. Auch Schulhefte und Schulzeugnisse werden dabei angesehen. Gleichzeitig ist dieses Erstgespräch wichtig, um das eventuelle Vorliegen anderer Störungen (ADS, emotionale Störungen) ausschließen oder mituntersuchen zu können.

In der dann anschließenden, an anderen Terminen stattfindenden testpsychologischen Untersuchung wird ein ausführlicher Intelligenztest und natürlich ein Rechentest durchgeführt.

Der Intelligenztest ist wichtig, um einerseits auszuschließen, daß die Schulleistungen des Kindes durch Abweichungen in diesem Bereich verursacht sein können. Andererseits ist der Intelligenzquotient eine wichtige Bezugsgröße: nur, wenn er normal ist und die Rechenleistungen erheblich darunter liegen, spricht man von Dyskalkulie. Ob das bei Ihrem Kind der Fall ist, erfahren Sie nach der Testung in einem Ergebnisgespräch.

In einigen Fällen erfüllen die Rechenwerte nicht die strengeren Kriterien der Dyskalkulie (Rechenstörung), sind aber dennoch leicht unterdurchschnittlich: in diesem Fall spricht man von Rechenschwäche. Die Begriffe werden aber nicht überall unterschieden und oft sogar synonym verwendet.

Welche Konsequenzen hat es, wenn eine Dyskalkulie festgestellt wurde?

1. Anders als bei der Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) gibt es bei der Dyskalkulie für die Schule keine klaren Richtlinien, welche Art von Nachteilsausgleich das Kind erhalten soll. Die Maßnahmen der Schule liegen weitgehend im Rahmen des „pädagogischen Ermessens“ und bedeuten, dass die Lehrkraft in Absprache mit Schulleitung und den Eltern eine Auswahl an folgenden Maßnahmen einsetzen kann:

  • Individuelle Differenzierung (dem Kind leichtere Aufgaben zur Verfügung zu stellen, so dass es nach und nach wieder Anschluss bekommt), Nutzen der Förderangebote der evtl. vorhandenen Förderlehrerin oder Einsatz des MSD (Mobiler Sonderpädagogischer Dienst).
  • Zeitzugabe: In der Grundschule lassen viele Lehrkräfte die Schüler die Probearbeiten immer (auch nach Ende der offiziellen Arbeitszeit) zu Ende schreiben (in der 4. Klasse, wenn es um Übertritt geht, ist dies dann schon kritischer), so dass dann SchülerInnen mit Dyskalkulie – wie die anderen Kinder auch – genügend Zeit zur Bearbeitung der Aufgaben zur Verfügung haben.
  • Zeitweilige Notenaussetzung, wenn z.B. während dieser Zeit eine Dyskalkulietherapie stattfindet und das Kind gerade in dieser sensiblen Zeit nicht durch schlechte Noten in Mathematikproben kontraproduktiv zur Therapie frustriert werden soll. Im Zeugnis würde dann der Vermerk stehen, dass in Mathematik zeitweilig auf eine Bewertung der Leistungen aus pädagogischen Gründen verzichtet wurde. Ob dann das Kind die Leistungskontrollen (Klassenarbeiten) der Mitschüler schreibt oder entsprechend seines Leistungsstandes und evtl. individueller Lernaufgaben muss im Einzelfall geklärt werden.
    Falls das Kind die „normalen“ Prüfungen mitschreibt, könnten diese unbenotet an das Kind gehen, die Lin schreibt sich aber Noten auf, so dass der Lernprozess und Entwicklungsprozess nachvollzogen werden kann (auch als Rückmeldung für die Eltern und für das Zeugnis)

2. Damit die Rechenleistungen sich bessern, ist eine professionelle Therapie bei einem Dyskalkulie-Therapeuten nötig.

Da Dyskalkulie keine „Krankheit“ ist, übernehmen die Krankenkassen hierfür nicht die Kosten. Sie müssen privat bezahlt werden. In einigen Fällen, wo das betroffene Kind durch die Störung emotional schwer beeinträchtigt ist und in seiner sozialen Integration zu scheitern droht, können – nach Vorlage eines Attests vom Facharzt – die Jugendämter die Kosten übernehmen.

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