Trennungsangst: Terror oder Triumph?

angst

Das Kind will morgens nicht in Kindergarten oder Schule, oder abends nicht ins Bett. Dramen und Terror spielen sich ab, es folgen Tränen und Resignation. Doch wenn man das Problem richtig anpackt, gibt es effiziente Hilfe.

Trennungsangst ist eine starke und inhaltlich unbegründete Angst von Kindern, sich von ihren engeren Bezugspersonen zu trennen. Häufig tritt sie zu Beginn der Kindergartenzeit (in der „Bringesituation“) auf und vergeht dann oft nach wenigen Wochen. In einigen Fällen bleibt sie aber über längere Zeit bestehen, kann auch in der Schulzeit noch auftreten und sich oft auch auf andere Tagessituationen beziehen.

Symptomatik

Die betroffenen Kinder möchten morgens nicht zur Schule gehen, geben meist aber nicht ihre Angst als Begründung an, sondern entwickeln psychosomatische Beschwerden (Kopfschmerz, Übelkeit, Bauchschmerz), die es Eltern ermöglichen, sie entweder gleich wegen Krankheit in der Schule zu entschuldigen, oder im Vormittagsverlauf abzuholen. Am Nachmittag kann (darf) die Mutter häufig nicht einkaufen gehen, wenn das Kind zu Hause ist, bei stärkerer Ausprägung nicht einmal in den Keller des Hauses. Die Kinder reagieren mit Unmutsäußerungen, Weinen, Schreien, regelrechter Terror entsteht. Freunde werden stets nur nach Hause geholt, aber nicht besucht; übernachten kann das Kind auch nicht woanders. Geregelte Übernachtungen wie Schullandheimaufenthalte sorgen schon weit im Vorfeld für große Besorgnis.

Eine spezielle Ausprägung hat die Trennungsangst bei der „abendlichen Trennung“, dem Einschlafen. Eltern betroffener Kinder „müssen“ ihre Kinder über einen langgestreckten Zeitraum ins Bett bringen, bei ihnen im Bett liegen bis sie eingeschlafen sind oder zumindest in Sicht- oder Rufweite sein. Viele Kinder „wandern“ nachts dann rüber ins Elternbett. Oder die Kinder gehen gleich von vornherein im Elternbett schlafen und verbringen dort die gesamte Nacht, was viele Väter sogar dazu bewegt, ihrerseits ins Kinderzimmer „umzuziehen“. Auch hier münden Versuche der Eltern, das Problem jetzt endlich mal aus der Welt zu schaffen, mit Verweigerung, Weinen, Schreien des Kindes – es können sich regelrechte nächtliche Dramen abspielen, die die Eltern meist dazu bewegen, ihren Versuch aufzugeben und dem Kind seinen Willen zu lassen.

Eine andere Ausprägung der Trennungsangst ist die „Schulvermeidung„, bei der das Kind in schweren Fällen sogar über Wochen oder Monate die Schule überhaupt nicht mehr besucht. Vordergründig sind es Bauchweh oder Übelkeit, manchmal auch Leistungsprobleme oder „Mobbing“, häufig steckt dahinter aber vor allem die Angst des Kindes, von seinen Eltern getrennt zu sein.

Für das betroffene Kind bedeutet die Trennung von den Eltern ein Gefühl der Verunsicherung, das häufig so weit geht, dass das Kind befürchtet, der Mutter (dem Vater) könnte während der Zeit des Getrenntseins etwas zustoßen. Manche Kinder bestätigen im Gespräch, dass sie Angst haben, ihre Mutter könnte sterben, während die in der Schule sind.

Drei Ursachen von Trennungsangst

Der Ursprung liegt bei vielen Kindern in den ersten Lebensjahren: kleine Kinder haben die Überzeugung, dass nur die Dinge und Personen existieren, die man sehen kann. Erst im Laufe der Entwicklung entstehen „Abbilder“ der Bezugspersonen im eigenen Denken: Die Mutter existiert immer noch, auch wenn man sie nicht sieht. Einige Kinder bleiben hier aber in ihrer Reifeentwicklung stehen – auch ein Zehnjähriger mit Trennungsangst kann verraten, dass er die Mutter deshalb nicht einkaufen gehen lässt, weil er Angst hat, sie könnte sterben.

Beim abendlichen Einschlafen ist es oft eine Art Gewohnheit: Schon immer schlief das Kind neben der Mutter ein, oder die Mutter neben dem Kind. Der „leichte Schlaf“, das rasche Erwachen – die Mutter musste dann doch bleiben, bis das Kind fest schlief. Jeder Versuch, sich davonzustehlen, misslang. Gelang es doch, merkte es das Kind im Laufe der nächsten Stunden und kam weinend aus dem Zimmer – oder kroch eben ins Bett der Eltern.

Eine dritte Möglichkeit der Entwicklung von Trennungsangst entsteht später in der Kindheit, oft aus Kleinigkeiten heraus: ein versehentlich zu spätes Abholen, eine harmlose Krankheit, eine zufällige Unsicherheit. Soforthilfe findet man in der Nähe zu den Eltern, die Sorge verschwindet wieder. Eine kurz darauf stattfindende ähnliche Situation erzeugt aber erneute Unsicherheit, und sicherheitshalber greift man wieder auf den Schutz der Eltern zurück. So geht es weiter und weiter – ein immer stärker bindender Kreislauf.

Der Grund dafür, dass Eltern diese oft nervenaufreibenden Szenen mitmachen, ist, dass sie die Angst ihres Kindes spüren und sehen und ihm gerne helfen wollen. Wenn die vermeintliche Hilfe aber darin besteht, nachzugeben, ist es keine Hilfe, sondern es fördert das Verhalten des Kindes, indem das Kind darin bestätigt wird, dass es richtig und hilfreich war, sich so zu verhalten. Das Kind denkt und fühlt sozusagen: „Wenn meine Mama auch so unsicher ist und so reagiert, war mein Gefühl ja genau berechtigt“.

Lösungsmöglichkeiten

Die Lösung des Problems beginnt immer zuerst mit der Einsicht der Eltern, dass ihr Kind in diesen Fällen keine „reale Angst“ vor einer tatsächlichen Bedrohung hat, sondern ein gelerntes Verhalten entwickelt hat. Angst ist ein uraltes menschliches Gefühl, das uns ursprünglich helfen soll, Bedrohungen zu erkennen und zu vermeiden, um zu überleben. In den beschriebenen Situationen besteht aber keine Bedrohung, sondern die Kinder sind in ihrem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit auf einer frühen Entwicklungsstufe (etwa auf dem Stand von 2-3jährigen Kindern) stehengeblieben. Wenn Eltern irrigerweise annehmen, das Kind „braucht das eben noch“ und „wird schon sagen, wenn es das nicht mehr möchte“, sorgen sie unter Umständen für eine jahrelange Fixierung, die einer Behinderung gleichkommt, weil Eltern z.B. 12 Jahre lang das Haus nicht mehr zu zweit verlassen können, kein Eheleben mehr stattfindet und das Kind zum einen die „Tyrannenposition“ in der Familie innehat, zum anderen auch ein sehr reduziertes eigenes soziales Leben.

Wenn Eltern verstanden haben, dass es ihre Verantwortung ist, ihrem Kind beizubringen, diese Angst nicht mehr zu haben, indem sie die Notwendigkeit schaffen, sich den Herausforderungen zu stellen, ist schon die Hälfte der Strecke geschafft. Beide Eltern müssen sich genau absprechen, sich bei Zweifeln gegenseitig ermutigen und eine gemeinsame klare Linie verfolgen, die z.B. heisst: „Ab heute schläfst du in deinem eigenen Bett und bleibst die ganze Nacht darin“ oder „Du gehst alleine zur Schule und bleibst bis Unterrichtsende dort“. Wichtig ist, dass Eltern ihrem Kind positiv vermitteln: „Ich traue dir zu, dass du das schaffst“, und dann gemeinsam auch einen Belohnungsplan entwickeln, in dem das Kind für das erfolgreiche und „mutige“ Erfüllen der Aufgabe Lachgesichter, Aufkleber, Stempel etc. sammelt, die es dann nach einer festgelegten Anzahl in Belohnungen umtauschen kann. Diese Belohnungen sollten am besten soziale Aktivitäten sein, damit die Botschaft für das Kind lautet „Wenn ich mutig bin und meine eigenen Angelegenheiten verantwortungsvoll in der Hand habe, habe ich mehr Freiheit, mehr Spaß, und wir haben wieder eine schöne Zeit miteinander“. Genauso wichtig ist aber auch, dass die Eltern bei Widerstand des Kindes keinesfalls von ihrer Linie abweichen. Ohne im eigenen Bett zu bleiben, gibt es eben keine Punkte, aber zurückgebracht wird das Kind auf jeden Fall, und wenn „das Theater“ die ganze Nacht gehen sollte.

Wichtig ist natürlich auch, nicht nur durch Konsequenz und klare Linie das Problem zu verändern, weil Angst größer wird wenn man sie meidet und kleiner wird, wenn man sich ihr stellt, sondern auch zu verstehen, dass das Kind eine Hilfe bei der Entwicklung „mutigen Verhaltens“ hat. Die Eltern müssen als vertrauensvolle Personen bereit stehen, die Zeit der gemeinsam verbrachten Zeit sollte aber möglichst wenig in diesen schwierigen Momenten stattfinden, sondern gerade eben in „guten Momenten“, tagsüber, wenn man geregelt zu Hause ist und Zeit füreinander hat. Genau dies ist ja auch Sinn des beschriebenen Belohnungsprogramms: statt pathologisch verbrachte Zeit mit Angst und Streit lieber gut verbrachte Zeit mit Lachen und Spielen. Ebenso können Eltern ihrem Kind helfen, in anderen Lebensbereichen Kompetenzen zu erwerben: ob es das Brötchenholen beim Bäcker ist, das Anrufen bei Fremden oder das Übernachten bei Freunden, muss individuell herausgefunden werden.

Tatsächlich passieren hier – nach entsprechender Aufklärung über das Problem, sorgfältigem Ausschluss anderer Ursachen und guter Behandlungsplanung – wahrhafte Triumphe: schon nach wenigen Tagen schläft das Kind erstmals und dauerhaft im eigenen Bett. Bereits nach einer Woche Übung klappt das Alleinebleiben oder der Schulbesuch.

Wenn die Lösung noch nicht in Sicht ist: Professionelle Behandlung

In manchen Fällen benötigen Familien zur Bewältigung die Hilfe eines Kinder- und Jugendpsychiaters. Bei einem ersten Gespräch in der Praxis wird genau erarbeitet, wann und warum das Problem entsteht und was es aufrecht erhält. Es wird auch versucht, eventuelle andere Ursachen (z.B. Spannungen im Familiengefüge, körperliche Krankheiten, oder schulische Überforderung) zu erkennen und einzuschätzen. Dann erarbeitet man gemeinsam einen Behandlungsplan, der auf den genannten Prinzipien beruht und gestaffelt nach Schwierigkeitsgrad oder auch nach Wichtigkeit die Probleme der Reihe nach angeht.

Manchmal ist auch das nicht ausreichend. Wenn eine Jugendliche seit mehreren Monaten die Schule nicht mehr besucht und im Gespräch keinen klaren Wunsch nach Veränderung äußert, oder wenn betroffene Kinder, Jugendliche und Familien zwar ambulant gut arbeiten, es aber sehr häufig zu Abweichungen von den gefassten Plänen und damit zum Scheitern kommt, muss das Betroffene Kind / der betroffene Jugendliche in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie stationär behandelt werden. Diese Behandlung wird von Fachleuten durchgeführt und ist meist sehr effektiv – allerdings dauert sie eine gewissen Zeit; stationäre Therapien sind selten unter mindestens 2-3 Monaten hilfreich, oft ist es noch länger.

Interessante Lektüre hierzu: Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden

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